Verschwiegener Champion der Robotik

  • Münsingen

Die kaum bekannte Schweizer Firma Stäubli zählt zu den führenden Herstellern von Industrierobotern

Stäubli Robotics wächst rasant, ihre Geräte sind bei Tesla ebenso im Einsatz wie bei Haartransplantationen.
Daniel Hug - NZZ am Sonntag vom 17.07.2016

Auf der grünen Wiese am Dorfrand von Münsingen (BE) wandert der Blick über die wolkenverhangene Stockhornkette, bevor er auf den Neubau nebenan fokussiert. In dieser intakten Natur würde man nicht unbedingt Spitzentechnik in der Automatisierung erwarten. Doch hier, in einem modernen Gewerbebau der Firma Insys, werden Industrieroboter der Firma Stäubli zu Automationsanlagen zusammengebaut, für weltweit führende Firmen der Medizintechnik, der Auto-, Pharma- oder Uhrenindustrie. Die blitzschnell auf sechs Achsen operierenden Stäubli-Roboter werden in komplexe Anlagen integriert, die für die Kunden individuell gefertigt werden.

Angefangen hat Hermann Stäubli 1892 in Horgen, mit einer Reparaturwerkstätte für Textilmaschinen. Später fertigt Stäubli selber Textilmaschinen- und spezialisiert sich in Laufe der Jahre auf jene Komponenten, welche die Webstühle steuern. «Wir bauen sozusagen den Motor für den Webstuhl», sagt Gerald Vogt, der Chef der Division Robotics. Um die Abhängigkeit vom zyklischen Textilgeschäft zu reduzieren, expandiert Stäubli 1956 in den Bereich der hydraulischen, pneumatischen und elektrischen Kupplungen. Weitere Anwendungen wie Photovoltaik und Hochleistungsstecker für Elektroautos kommen hinzu und formen einen Geschäftsbereich, der heute mehrere 100 Mio. Fr. Umsatz im Jahr erzielt. Die jüngste Sparte von Stäubli wächst am schnellsten: 1982 steigt das Horgener Unternehmen in die Robotik ein und vertreibt Industrieroboter der amerikanischen Unimation (ein Kunstwort, gebildet aus Universal und Automation). Die Stäubli-Leute erkennen das Potenzial dieses Geschäftes und erwerben 1989 vom damaligen Eigentümer, dem Industriegiganten Westinghouse, die gesamte Firma Unimation.
Mit diesem Schachzug nehmen die Schweizer den eigentlichen Robotik-Pionier unter ihre Fittiche: Unimation baut 1959 dank dem Erfinder George Devol (Patent für programmierbare Industrieroboter 1954) den weltweit ersten Roboterarm und beliefert ab 1961 Kunden wie den Autobauer General Motors. Bereits 1992 wird der erste Stäubli-Industrieroboter vorgestellt, der sich auf sechs Achsen bewegen kann. Ein Schlüsselfaktor für den Erfolg ist die Zuverlässigkeit: «Industrieroboter sind schnell bewegliche, mit hohem Tempo oszillierende Geräte, die manchmal20 Jahre lang halten müssen», umschreibt Gerald Vogt die Anforderung. Um die Qualität zu sichern, wird vieles bei Stäubli selber gefertigt: «Hier unterscheiden wir uns von der Konkurrenz: Wir sind die Einzigen, die die Getriebe des Roboters selber herstellen», sagt Vogt.
2004 baut das Schweizer Familienunternehmen, das von Yves A. Stäubli in der vierten Generation im Verwaltungsrat mitgeprägt wird, seine Stellung aus: Stäubli übernimmt die Roboter-Sparte von Kon­ kurrent Bosch Rexroth in Deutschland. «Die Zukäufe von Stäubli sind nie aus finanziellem Antrieb erfolgt, sondern mit einem langfristigen, strategischen Fokus», erklärt Vogt. 2007 erfolgt die Akquisition von Deimo in Brescia, die Steuerungen für Textilmaschinen und Industrieroboter entwickelt.
Mit diesen gezielten Zukäufen und internem Wachstum gelingt es, in der ersten Liga mitzuspielen. Die Konkurrenten heissen heute Kuka (die deutsche Firma wird gerade von Chinesen übernommen), ABB, Mitsubishi oder Yaskawa. Stäubli-Roboter stehen bei den führenden Herstellern der Uhrenindustrie, aber auch bei Tesla: Beim Elektroautohersteller arbeiten Roboter-Werkzeugwechsler der Schweizer Firma.

Dank den immer günstiger werdenden Sensoren, Kameras und elektronischen Steuerungen wird sich das Einsatzgebiet von Robotern in den nächsten Jahren deutlich ausweiten. Um 12% nahmen letztes Jahr die weltweiten Robotik-Verkäufe zu, wie die International Federation of Robotics (IFR) berechnet hat. «Stäubli ist jedoch schneller als der Markt gewachsen», präzisiert Vogt. Heute beschäftigt die gesamte Firmengruppe, die vom Sitz in Pfäffikon (SZ) ausgeführt wird und weiterhin der Familie Stäubli gehört, über 4500 Mitarbeiter und erzielt mehr als 1Mrd. Fr. Umsatz. Die Robotik macht dabei schätzungsweise 20% aus, also über 200 Mio. Fr. Hergestellt werden die Industrieroboter übrigens nicht in der Schweiz, sondern im französischen Faverges, in der Nähe von Annecy. Dort eröffnete Stäubli bereits 1909 eine Produktionsstätte für Textilmaschinen.
Die Stärke von Stäubli liegt bei Kleinrobotern, die schnell und präzise arbeiten - und Lasten von ein paar hundert Gramm bis 190 Kilogramm tragen können. Eine Spezialität sind zudem die gekapselten Roboter für schmutzige und sehr reine Herstellungsprozesse, wie sie etwa in der Nahrungsmittel- oder Halbleiterindustrie sowie in der Medizinaltechnik erforderlich sind. «Eine Firma, die in Frankreich Blutanalysen komplett automatisiert hat, hat zum Beispiel nahezu 300 unserer Industrieroboter gekauft», sagt Maschinenbauingenieur Vogt.
Wichtigster Markt ist jedoch die Autobranche und ihre Zulieferer: «Der zunehmende Einsatz von Sensoren und Elektronik in der Autoindustrie lässt die Nachfrage nach unseren Industrierobotern steigen», sagt Vogt. Interessant sind aber auch komplett neue Einsatzgebiete wie etwa die Haartransplantation mit Robotern (siehe Kasten). Nehmen uns die Roboter die Arbeit weg? «Studien belegen, dass in Ländern, die am meisten Roboter einsetzen, die Arbeitslosigkeit in den letzten Jahren am wenigsten stark gewachsen ist», entgegnet Vogt. Das liege daran, dass Unternehmen Arbeitsplätze erhalten konnten, die sonst nach Asien verlagert worden wären. «Roboter schaffen sogar Arbeitsplätze», kommentiert Vogt. «Unsere Kunden, die Industrieroboter einsetzen, sind erfolgreicher als Konkurrenten- und haben alle deutlich mehr Mitarbeiter als vor fünf Jahren.» Im Betrieb entstehen intelligentere Arbeitsplätze, die Anforderungen an die Leute steigen jedoch. Gewisse Arbeitsplätze seien auch schlicht unattraktiv. «Wer will schon bei Temperaturen von 5 Grad im Kühlraum Fleisch schneiden?», fragt Vogt.

Deutschland und die Schweiz seien wirtschaftlich so erfolgreich, weil sie Produktionsprozesse laufend verbessert hätten und bei ihnen Innovationen erwünscht seien. Vogt, der während fünf Jahren in den USA gelebt hat und deutsch-französischer Doppelbürger ist, steht für Offenheit ein: «Wir exportieren rund 85% unserer Maschinen, vor allem nach Europa, aber auch nach Nordamerika und China.» Mitunter reicht es, sie vom französischen Faverges nach Münsingen zu transportieren.